Deutscher Zahnarzt Service

Zahnarztangst - Dr. med. dent. Christoph Boeger im Interview, Teil II

Zahnarztangst - Dr. med. dent. Christoph Boeger im Interview, Teil II

Zahnarztangst - was kann Patienten helfen?

Bereits am Montag hat uns Dr. med. dent. Christoph Boeger im ersten Teil unserer Interview-Serie verraten, welche Tipps und Hilfestellungen es zum Thema "Zahnarztangst" gibt. Welche Rolle dabei der Zahnarzt selbst einnimmt und wie er dem Patienten helfen kann erklärt uns der Zahnarzt im zweiten Teil unseres Interviews.

Zahnarztangst - was kann helfen?

Fortbildungen für Zahnärzte zum Thema "Zahnarztangst"

DZAS: Denken Sie, dass Zahnärzte mehr Fortbildungen zum Umgang mit Patienten mit Zahnbehandlungsangst besuchen sollten, damit sie auf solche Situationen vorbereitet sind?

Boeger: Das wäre wünschenswert. Aber welche denn? Es gibt keine anerkannte Qualifikation als Zahnarzt für Patienten mit Zahnbehandlungsangst. Die eigene Beschäftigung mit der Dentalphobie als klinisch anerkannte Angsterkrankung kann daher alternativ eine erste Annäherung sein. Hier gibt es sicherlich von psychotherapeutischen Institutionen Angebote. Eine seit vielen Jahren etablierte Adresse in NRW scheint mir zum Beispiel das Therapiezentrum Zahnbehandlungsangst an der Zahnklinik Bochum unter der Leitung von Prof. Dr. Hans-Peter Jöhren zu sein (auf ihn geht etwa der standardisierte „Fragebogen zur Zahnbehandlungsangst“ zurück). Als anerkannte, offizielle Fortbildungsveranstaltung für Zahnärzte ist mir aber noch nichts begegnet. Meine Wahrnehmung ist die, dass die Thematik der Zahnbehandlungsangst innerhalb unserer Zahnärzteschaft zwar zunehmend erkannt ist, aber immer noch in eher allgemein appellativer als in verbindlich institutionalisierter und fachspezifischer Weise behandelt wird. Andererseits widerspricht aber die Notwendigkeit, seine Praxisorganisation für Angstpatienten konsequent und fachkundig umzustellen, nun mal auch dem wirtschaftlichen Druck, dem viele Zahnarztpraxen heute ausgesetzt sind. Damit scheint mir der Fortbestand dieser sehr großen Patientengruppe teils auch systemimmanent.

DZAS: Wenn es keine Fortbildungen gab, bei denen Sie den Umgang mit Angstpatienten erlernt haben, wie haben Sie sich dann Ihr Wissen angeeignet?

Boeger: Durch das fehlende Angebot in diesem Bereich verfüge ich über dieses Wissen allein durch mein Erfahrungsfundament von mehr als drei Jahrzehnten in der Behandlung von Angstpatienten. Das hat auch dazu geführt, schließlich selbst einen „Zahnarztangstratgeber“ zu verfassen, der sich konsequent am Angstpatienten orientiert und einen empathischen Ansatz verfolgt. Er ist seit einem Jahr online und auf große Resonanz gestoßen, wird vielfach aufgesucht, empfohlen, zitiert und verlinkt – vielleicht auch, weil daran Angstpatienten mitgewirkt haben und selbst zu Wort kommen.

Was der Zahnarzt tun kann, um dem Patienten die Angst zu nehmen

DZAS: Was können Ärzte tun, um ihren Patienten die Zahnarztangst zu nehmen?

Boeger: Sie müssen sich klarmachen, dass diese Patientengruppe eine komplett andere Vorbereitung braucht. Sie erfordert im Vorfeld wesentlich mehr Zeit. Gleichzeitig muss ein Termin Ihnen sehr kurzfristig gewährt werden können und keinesfalls darf ein Angstpatient längere Zeit im Wartezimmer verbringen. Ein Zahnarzt, dessen Wartezimmer voll ist wenn er ins Erstgespräch mit einem Angstpatienten geht, hat schon verloren, denn sein Stress überträgt sich automatisch auf den Patienten. Ein weiterer, immer wichtigerer Baustein in unserer Behandlung von Angstpatienten ist übrigens die Behandlung unter ITN (Vollnarkose). Wir konnten sogar den Einwand ausräumen, dadurch verlören Angstpatienten ihre Angst nicht dauerhaft: Angstpatienten erlaubten uns nach Erstbehandlung unter ITN beim zweiten Behandlungstermin beispielsweise eine weniger aufwändige Behandlung unter herkömmlicher Lokalanästhesie – das könnte man durchaus als ein schrittweises „Verlernen“ von Angst betrachten; ganz im Sinne der schrittweisen Reizkonfrontation, die die Verhaltenspsychotherapie bei phobischen Patienten anwendet.

DZAS: Was ist ein absolutes No-Go im Umgang mit Angstpatienten?

Boeger: Gleich beim ersten Termin behandeln zu wollen. Und: Jeder Anschein von Eile. Auch jegliche Äußerung von Erstaunen, Empörung, Belustigung, Entsetzen oder Verachtung – und sei sie auch nur mimisch – muss unbedingt vermieden werden. Das gilt für den Arzt wie für das gesamte Personal.  Durch seine große Scham hat ein Zahnarztangst-Patient ein seismografisch feines Sensorium für jede herabsetzende oder ironisch-überhebliche Reaktion. Er erwartet dies geradezu, hat dies häufig oft genug erlebt. Wenn der Angstpatient einem Zahnarzt erstmals seinen Mund öffnet, kann es sein, dass er dies gerade zum ersten Mal seit Jahrzehnten tut – eine enorme, nicht hoch genug einzuschätzende Leistung. Der Zahnarzt jedoch sollte dabei unbedingt – genau im Gegenteil – so rüberkommen, als würde er seit Jahren täglich nichts anderes sehen. Nicht zuletzt: Vergisst der Zahnarzt direkt nach diesem für den Patienten biografisch-historischen Moment, den Angstpatienten ernsthaft und ausdrücklich zu loben und ihm zu gratulieren und zu danken, dass er in die Zahnarztpraxis gekommen ist, begeht er einen Riesenfehler.

DZAS: Vielen Dank Herr Dr. Boeger für die Beantwortung unserer Fragen! Wir hoffen, dass es Ihnen auch weiterhin gelingt, mit Ihrem Ratgeber und natürlich auch mit der persönlichen Beratung und Behandlung vielen Patienten die Angst vor dem Zahnarztbesuch zu nehmen.

 

Sie interessieren sich ebenfalls für die Behandlung von Patienten mit akuter Zahnarztangst? Dann informieren Sie sich doch auf der Ratgeberseite von Herrn Dr. Boeger https://www.zahnarztangstratgeber.de/ noch genauer über dieses Thema.

 

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Katharina Plehn

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